Wie Sie sich den veränderten Rahmenbedingungen stellen sollten
Die Aufgabe des Einkaufs, sich mit den neuen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen ist noch nicht überall als strategische Notwendigkeit akzeptiert. Wer sich jedoch intensiv mit der Thematik Nachhaltigkeit beschäftigt, wird erkennen, dass es dann doch mehr ist als nur eine kurzlebige neue „Strategie-Erscheinung“.

Ein neuer Weg: Der „Grüne Einkauf“
Die Mitverantwortung des Einkaufs für das Unternehmensergebnis rückt durch die permanent stärker und schneller ansteigenden Materialkostenanteile noch mehr als ohnehin schon in den Fokus der Betrachtung. Mit „grün“ und „nachhaltig“ zu argumentieren, erscheint in einer solchen Situation eher als schwierig und „am Thema vorbei“.
Die Gründe für „Grünen Einkauf“ verstehen und aufzeigen
Letztendlich haben aber genau diese Ursachen, mit denen Sie im Einkauf konfrontiert werden, dazu geführt, dass es den grünen oder nachhaltigen Einkauf überhaupt gibt. Denn die sehr großen Preissteigerungen im Rohstoff- und Energiebereich, sind neben zwei weiteren Gründen die Ursachen, die sowohl die Wirtschaft als auch die Wissenschaft auf das Thema „Nachhaltigkeit im Einkauf“ oder „Green Procurement“ aufmerksam gemacht haben.
Experten-Rat
Wenn Sie sich im eigenen Unternehmen mit dem Thema „grüner Einkauf“ beschäftigen wollen, analysieren Sie zuerst, welche der einzukaufenden Materialien unmittelbar von spürbarer Verknappung, gestiegener Umweltschutzanforderungen und einem neuen Ethik-Gedankengut betroffen sind.
Die Entwicklung bleibt auch vor der Tür des Einkaufs nicht stehen
Wenn Sie die besten Unternehmen in den verschiedenen Branchen etwas genauer betrachten, werden Sie sehr leicht erkennen können, dass bereits eine Vielzahl dieser Unternehmen genau dieses Thema aufgegriffen hat und es sowohl zu einem strategischen Einkaufsthema als auch zu einem geschickten Marketing-Konzept entwickelt hat.
Beispiel
Achten Sie z.B. einmal bewusst auf die Fernsehwerbung der Automobilhersteller. Hier wird teilweise gezielt mit nachhaltigem Einkauf geworben.
Eine einheitliche Definition und Themeneingrenzung fehlt noch
Ob „Green Procurement“, „Substainable Purchasing“, „grüner - nachhaltiger Einkauf“ oder „Green-Labels-Purchase“, lassen Sie sich nicht von der noch laufenden Namensfindung abschrecken. Die Definition und die Eingrenzung dieser Einkaufsstrategie sind noch in vollem Gange und bieten dementsprechend eine breite Palette an Interpretationen.
Tipp
Es sollte für Sie auch eher sekundär sein, wie irgendwann einmal diese neue Einkaufsstrategie benannt wird oder was im Lehrbuch dazu steht. Entscheidend ist, dass Sie, wie einige andere kluge Köpfe, die Bedeutsamkeit erkennen können.
Verantwortung für Ökologie und Ethik des Einkaufs
Beginnen Sie Ihren Einkauf „grüner“ zu gestalten. Richten Sie sich in der Hauptsache und mit ihren Aktivitäten auf die Verantwortung des Einkaufs zur Einhaltung ökologischer und ethischer Standards in der gesamten Supply Chain aus. Betrachten Sie stets die gesamten Prozesse über den vollständigen Lebenszyklus eines Produktes.
Den „Maßstab“ hierzu finden Sie bereits in den Unternehmens- bzw. Einkaufsleitlinien sowie in der dazu passenden Werteorientierung einiger erfolgreicher Unternehmen. Außerdem liefern weltweit viele Regierungen mit immer neuen nationalen wie auch internationalen Verordnungen, Rechts- sowie Gesellschaftsnormen neue Anforderungen, die ein Handeln in diese Richtung erzwingen.
„Grüner Einkauf“ ist die wirkliche TCO-Betrachtung
Neben den Gesetzen und Verordnungen die Sie im Einkauf zu neuem Handeln zwingen, erwartet die TCO-Betrachtung (Gesamtkostenbetrachtung) von Ihnen als Einkäufer und Einkaufsverantwortlicher wie selbstverständlich, dass Sie die Wirtschaftlichkeit betrachten und danach handeln. Die konventionelle (alte) Betrachtung ist allerdings nicht so vollständig wie eine Gesamtkostenbetrachtung durch die „grüne Brille“. Wurden Themen die sich mit der Rohstoffverknappung und den Folgekosten, sowie Kosten durch langfristige Umweltbelastungen in der TCO-Betrachtung eher nicht betrachtet, so sind dies für Sie wesentliche Bestandteile in der „grünen“ Betrachtung.
Beziehen Sie sich mit dem „grünen Einkauf“ doch auf alle Prozesse und Aktivitäten - von der Rohstoffgewinnung über die Verarbeitung und Herstellung, den Transport und die Lagerung bis hin zur Wiederaufbereitung, Entsorgung und Umweltbelastung.
Die drei Hauptursachen für „Grünen Einkauf“
Im Wesentlichen können Sie heute drei Ursachen für die Entwicklung zu diesen neuen Einkaufsstrategien ausfindig machen.
Ursache Nr. 1: Geändertes Verständnis in der Gesellschaft
Eine maßgebliche Rolle spielt die veränderte Art der Sensibilisierung innerhalb unserer Gesellschaft für die Gefährdung unserer Umwelt. In einigen größeren Fällen können Sie das intensive Interesse der Öffentlichkeit ausgezeichnet beobachten. Sowohl bei ökologischen als auch bei sozialen Aspekten der Auftragsvergabe an Lieferanten werden Sie im Einkauf durch die Öffentlichkeit intensiver als je zuvor betrachtet.
Ignoranz liefert Imageverluste
Wenn Sie als Einkäufer für Ihr Unternehmen die eigenen Prozesse und die Ihrer Lieferanten nicht an diesen neuen gesellschaftlichen Normen ausrichten, werden Sie über kurz oder lang Schaden erleiden. Es können Imageschäden entstehen, die Ihnen wesentliche wirtschaftliche Nachteile aufbürden. So sollten Sie in Zukunft darauf achten, dass Sie z. B. Lieferanten in Schwellenländern einsetzen, die sich verpflichten, sich an unseren Werten in Bezug auf Kinderarbeit, Umweltverschmutzung, Mindestlohngefüge und Umgang mit Ressourcen zu orientieren. Einkäufer die dies heute bereits tun, können dies in Ihren Unternehmen auch im Marktauftritt sehr positiv und zum eigenen Wettbewerbsvorteil einsetzen.
Ursache Nr. 2: Verschärfung der Gesetze und Verordnungen
Die zweite Ursache für das geänderte Einkaufsverhalten liegt in der Verschärfung der gesetzlichen Auflagen und Regelungen auf nationaler und europaweiter Ebene. Als Einkäufer sind Sie gefordert, sich mit diesen neuen Situationen zu beschäftigen:
- Wie bzw. nach welchen Richtlinien arbeiten Ihre Lieferanten?
- Achten Ihre Lieferanten auf die Einhaltung der in Ihrem Land geltenden Verordnungen?
- Welches Verhältnis haben Ihre Lieferanten zu bestimmten ethischen Grundsätzen?
Missachtung wird drastisch bestraft
Bei Missachtung oder Nichteinhaltung der aktuellen Gesetze und Verordnungen, müssen Sie zwischenzeitlich mit drakonischen Strafen rechnen. Nutzen Sie hier unbedingt eine fachliche Hilfestellung. Die Flut an Neuerungen können Sie als Einkäufer nur schwer verfolgen. Eine entsprechende Unterstützung durch Profis ist empfehlenswert.
Betrachten Sie möglichst die gesamte Supply Chain
Es geht nicht mehr nur darum, auf die Auflagen im eigenen Wertschöpfungsbereich zu achten, sondern achten Sie möglichst darauf, alle am eigenen Produkt mit Wertschöpfung Beteiligten einzubinden. Sie verhindern so nicht nur Strafen und Imageverlust, sondern Sie sorgen für eine Schonung der Umwelt und ersparen Ihrem Unternehmen auf Dauer erhebliche Kosten.
Ursache Nr. 3: Kostenentwicklung für Rohstoffe und Energie
Der wahrscheinlich aber wirkungsvollste Grund für den raschen „Wandel“ im „Green Procurement“ liegt wohl in den enorm gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten der letzen Monate.
Kompensation durch Einkauf nicht mehr überall möglich
In vielen Unternehmen konnten die Kostensteigerungen im Rohstoff- und Energiebereich durch den Einkauf nicht verhindert oder nicht mehr kompensiert werden. Bei einigen Entscheidern hat dies dann auch zu einem wahren Sinneswandel geführt. Einkaufen über den „Tellerrand“ hinaus steht nun eindeutig im Blickwinkel der Vorstände und Geschäftsführer.
Experten-Rat
Versuchen Sie jetzt nicht Ihre gesamte Einkaufswelt auf den Kopf zu stellen. Sie werden sicherlich nach wie vor kostenbewusst für Ihr Unternehmen einkaufen. Allerdings sollte der Umgang mit den benötigten Ressourcen einen neuen Stellenwert bekommen.
Durch die Einführung eines professionellen Wertstoffmanagements können Sie nicht nur unmittelbar Millionenbeträge sparen, sondern Sie können auch die Verhinderung von Kosten durch eine nicht gestörte Versorgung erheblich vorantreiben. Bei der Betrachtung der „Green Supply Chain“ schauen Sie deshalb auch über die reinen Einstandspreise hinaus. Verstehen Sie den „nachhaltigen Einkäufer“ als jemanden mit Verantwortung für die Vormaterialmärkte, ebenso wie für die Themen der Entsorgung.
Was kann „Green Procurement“ für den Einkauf bedeuten?
Wenn Sie sich mit dem Thema „Green Procurement“ oder „Nachhaltigkeit im Einkauf“ beschäftigen, werden Sie in der Regel auf drei Herausforderungen treffen.
- Als kluger Einkäufer handeln Sie unter Berücksichtigung der Lebensdauerkosten eines Produkts und seiner möglichen ökonomischen Auswirkungen auf die Gesamtkosten (Kosten für Umweltschonung und -belastung).
- Sie achten aber auch darauf, möglichst sparsam mit den eingesetzten Ressourcen umzugehen. Mit anderen Worten: Es werden auch die Kosten betrachtet, die durch die Art und Weise der Bereitstellung, der Handhabung und Verarbeitung sowie des Transports entstehen.
- Die schwierigste Herausforderung stellt sich Ihnen aber sicherlich bei der Betrachtung der sozialen Auswirkungen durch Ihr Handeln. Als Einkäufer sind Sie aufgefordert, zu geringsten Kosten zu kaufen und gleichzeitig auf Nachhaltigkeit und ethische Aspekte zu achten. Lohngleichheit, menschliche Arbeitsbedingungen, Ausschluss von Kinderarbeit, Beachtung der Menschenrechte und gerechter Lohn lassen sich bei der Suche nach neuen günstigeren Lieferanten nur mit dem entsprechenden Rückhalt durch die oberste Geschäftsführung durchhalten.
„Grüner Einkauf“ ist mehr als in einem BIO-Laden zu kaufen
Es hat etwas mit langfristiger Unternehmenssicherung, nachhaltiger Entwicklung, umweltgerechtem, sozialem und wirtschaftlichem Handeln unter ethischen Aspekten zu tun. Weitere nützliche und interessante Hinweise zum Thema „Grüner Einkauf“ finden Sie auch unter: www.greenlabelspurchase.net und in meinem Seminar bei der factor 4 GmbH: „Grüner Einkauf – oder was BIO-Äpfel mit Einkaufserfolg zu tun haben.“
Herausgeber: Markus Lemme
Markus Lemme hat langjährige und internationale praktische Erfahrung im Einkaufsmanagement.
Er ist einer der erfolgreichsten Einkaufstrainer und Berater sowie Coach für viele Einkaufsabteilungen.



