Erfolge in Handel und Vertrieb nur duch Differenzierung und Innovationen
Wir haben ein gutes Drittel „heiße Luft“ im deutschen Handel – und die muss raus! Die jetzige Finanz- und Wirtschaftskrise wird die Spreu vom Weizen trennen, auch und insbesondere im Handel. Die Insolvenzen von Hertie, Wehmeyer, Pohland und Sinn-Leffers sind nicht die letzten Anzeichen hierfür.

Handel: Innovation dringend nötig
Seit der Wiedervereinigung liegt der Umsatz des Einzelhandels in
Deutschland in einer Größenordnung von 390 – 400 Mrd. Euro p. a., er
stagniert mehr oder weniger. In der gleichen Zeit sind jedoch die
Verkaufsflächen um fast 40 Prozent gewachsen, so dass die
Flächenrentabilität entsprechend abgestürzt ist. Wir haben demnach ein
gutes Drittel „heiße Luft“ im deutschen Handel – und die muss raus! Die
jetzige Finanz- und Wirtschaftskrise wird die Spreu vom Weizen trennen,
auch und insbesondere im Handel. Die Insolvenzen von Hertie, Wehmeyer,
Pohland und Sinn-Leffers sind nicht die letzten Anzeichen hierfür.
Eine enorme Verdrängung wird in den nächsten Jahren im Handel
stattfinden, es kämpft nicht mehr Händler A gegen Händler B, sondern
Systemgruppe A gegen Systemgruppe B, Filialsystem X gegen
Franchisesystem Y. Außerdem kommt es zu einem scharfen Wettbewerb
zwischen den Branchen, denn wer ein Auto kauft, lässt Möbel links
liegen; wer in den Urlaub fährt, verschiebt die Renovierung des
Wohnzimmers. Und wer ins Ausland in den Urlaub fährt, kauft auch dort
ein, weil zum Beispiel Kleidung interessanter oder sogar billiger zu
haben ist. Der Innerbranchenwettbewerb wird durch
Interbranchenwettbewerb, der nationale durch den internationalen
Wettbewerb erweitert. Außerdem verschärft die Industrie den Druck auf
den Handel, indem sie durch vorwärtsgerichtete Vertikalisierung selbst
verkauft: Hersteller wie Gerry Weber haben früher zu 100 Prozent über
den Handel ihre Produkte vertrieben, heute gerade noch zu etwa 50
Prozent und in zehn Jahren vielleicht noch zu 10 Prozent.
Wer in dieser Situation als Händler überleben will, muss sich „vom Rest
der Welt“ unterscheiden – er muss differenziert auftreten und dazu
bedarf es innovativer Überlegungen.
Was sind nun die Methoden, die Erfolgsstrategien, die einzelne
Unternehmen nach vorne bringen können? Denn aufgrund der mangelnden
Nachfrage seitens der Bevölkerung, die vor allen Dingen ihre Ursache in
mangelnder Nettorealeinkommenssteigerung, sinkender Bevölkerung und
einem enormen Drift in Richtung Dienstleistungen hat, ist mit einer
generellen Branchenkonjunktur des Handels in Deutschland für die
nächsten zehn Jahre nicht mehr zu rechnen, nur Firmenkonjunkturen
werden einzelne Unternehmen nach vorne bringen können.
In der Studie „Handels- und Vertriebs-Innovationen“ hat die Ulrich
Eggert Consulting in Köln folgende Methoden und Erfolgsfaktoren
herausgearbeitet, mit denen Händler auch heute eine reale Chance haben,
sich dem fortdauernden Downsizing in Umsatz und Rendite zu entziehen:
1. Differenzierung durch Innovationen
Unternehmen, die erfolgreich sein wollen, müssen sich in wesentlichen
Aspekten vom Wettbewerb unterscheiden. Dazu reicht es nicht aus, auf
Maßnahmen der Konkurrenz zu reagieren, sondern das Unternehmen muss
selbst innovativ sein, es muss Innovationen entwickeln, die es nach
vorne bringen. Dabei geht es vor allen Dingen um Leistungsinnovationen,
also um Innovationen, die der Kunde erkennt, aber auch um
Prozessinnovationen, die dazu führen, dass das Unternehmen effizienter
und effektiver arbeiten kann. Ergänzende Sozialinnovationen, die die
Mitarbeiter enger an das Unternehmen binden und zufriedener arbeiten
lassen, ergänzen das Feld.
2. Kundenorientierung
Es ist noch immer vorteilhafter, vorhandene Kunden zu halten und mit
ihnen mehr Umsatz zu machen, als neue Kunden zu gewinnen. Deshalb ist
eine durchgehende Kundenorientierung in Programm und Auftritt wichtig,
um die Kundenbindung steigern und Neukunden für das Unternehmen
gewinnen zu können. Moderne Methoden hierfür sind Kundenkarten und die
Akzeptanz von Kreditkarten, Newsletter, Blogs etc und eine
entsprechende persönliche Betreuung.
3. Bedarfsorientierung
Der entscheidende Ansatz zur Kundenorientierung ist die
Bedarfsorientierung: Die Unternehmen sollten nur das anbieten, was der
Kunde auch haben möchte – und nicht das, was sie aus welchen Gründen
auch immer eingekauft haben! Nach alter Kaufmannsweisheit liegt zwar im
Einkauf der Segen, aber doch nur dann, wenn die eingekaufte Ware auch
verkauft werden kann. Das gelingt am besten, wenn von vornherein nur
das eingekauft wird, was der Kunde kaufen möchte. IKEA nennt sich
Möbelhaus, verkauft aber wenig Möbel, sondern zu mehr als 50% Regale
und „irgendetwas“ wie Heimtex, Leuchten, Deko; der deutsche Möbelhandel
allerdings zu 85 Prozent Möbel. Seit 1991 hat IKEA ein Plus in
Deutschland von 230 Prozent, der deutsche Möbelhandel allerdings ein
Minus von 30 Prozent. Irgendjemand muss doch da etwas falsch gemacht
haben im Sinne einer Bedarfsorientierung!
4. Dienstleistungen und Problemlösungen
Bereits 52 Prozent aller Konsumausgaben der Deutschen sind heute
Dienstleistungen. Wenn der Handel nur Ware verkauft, sitzt er auf dem
sinkenden Ast des Sozialproduktes, denn er deckt zu nicht einmal mehr
30 Prozent die Nachfrage der Verbraucher – im Jahre 2015 werden das
noch allenfalls 25 Prozent sein. Der Kunde möchte Problemlösungen und
das heißt Ware + Dienstleistung + Service + Beratung + Information +
After Sales Services!
5. „Mehrwert“ und „Neue Mitte“
Ware + Dienstleistungen + Services sind mehr wert als reiner
Warenverkauf: Die Menschen kaufen Functional Food,
Convenience-Produkte, Wellness-Produkte und was auch immer – alles
Dinge, die man auch wesentlich einfacher und wesentlich billiger haben
könnte, aber der Mensch ist ein emotionales Wesen und möchte nun einmal
etwas mehr haben als das Notwendige. So entwickelt sich eine „Neue
Mitte“, die ihren Platz verteidigt und durchaus aggressiv angreift,
indem sie billige Produkte, aber auch teure Produkte im Markt
verdrängt. Beispiele dafür sind Lagerfeld bei Hennes & Mauritz, die
Gourmetlinien der Discounter oder auch der VW Touareg – ein
Luxusprodukt eines Massenherstellers.
6. Sortimentsoptimierung sowohl durch Verzicht wie auch Category Migration
Die Sortimente müssen optimal auf den Kunden ausgerichtet sein. Das
bedeutet zweierlei: Auf der einen Seite Category Migration, also das
Hineindringen in andere Sortimente, indem man die eigenen Angebote
durch Randbereiche erweitert, wie es klassischerweise IKEA vorgemacht
hat, oder die Bau- und Heimwerkermärkte, aber auch Tchibo und die
Discounter. Auf der anderen Seite heißt das aber auch
Sortimentsverzicht, nämlich den Verzicht auf die Dinge, die man nicht
beherrscht, die die Kunden nicht wollen, die das Image zerstören oder
die Läden unübersichtlich machen.
7. Kooperation und strategische Allianzen
Kaum jemand wird es noch in Zukunft schaffen, alleine im Handel
erfolgreich zu sein: Man kooperiert im Einkauf, in der Werbung und –
was noch viel wichtiger in der Zukunft sein wird: man kooperiert im
Verkauf. Gemeinsamer Einkauf ist Basic, wer der das nicht macht, sollte
noch heute versuchen, seinen Laden zu verkaufen. Morgen ist es zu spät,
bei schlechten Zahlen gibt niemand mehr etwas dafür!
8. Systemvertrieb
Der gemeinsame Verkauf geht über in den Systemvertrieb, d. h.
Unternehmen schließen sich zusammen unter einer Leitstrategie, die sie
gemeinsam befolgen und die wie in einem Filialsystem bundesweit
möglichst einheitlich ist und sich entsprechend in nationaler Werbung
wie auch im Internet darstellen lässt. Allein arbeitende Firmen
verlieren Marktanteile, Kooperierende wachsen leicht, aber alle
Systemanbieter gehören zu den schnellstwachsenden Unternehmen im Markt,
das sind Filialsysteme, Franchisesysteme, Vertikalisten und ähnliche
Formate.
9. Vertikalisierung
Der Handel muss es schaffen, per Vertrag die Hersteller an sich zu
binden – er muss sich rückwärts vertikalisieren. Das heißt, er kommt an
Produkte, an Marken, die nur er führt, wo er Exklusivität hat und
entsprechend in Kalkulation und Werbung auftreten kann.
Das Gleiche gilt natürlich auch für die Industrie, die längst den
gleichen Weg gefunden hat: Sie bindet Handelsunternehmen an sich durch
Shop-in-Shop, durch Concessions, durch Flächenverträge, durch eigene
Filialen und/oder durch Franchise.
10. Retail Brand – der Handel als Marke
Erfolgreiche Händler machen sich selbst zur Marke und die wichtigsten
Produkte, die sie verkaufen, führen eben diese Marke – hierzu zählen
Unternehmen wie Hennes & Mauritz, Esprit, IKEA usw. Sie machen
nicht die Marken eines Dritten, eines Herstellers groß, sondern sie
stecken alle Kraft in die eigene Marke – in sich selbst – hinein.
11. Multi-Channel-Retailing
Vor 15 Jahren gab es das Internet nicht, vor zehn Jahren war es
unbedeutend, heute ist es ein wesentlicher Faktor im Markt, in Zukunft
wird es ein ganz entscheidender Marktfaktor werden. Händler, die nur in
stationären Läden ihre Ware anbieten, werden künftig auf Nischen
angewiesen und beschränkt bleiben, offensive Unternehmen hingegen
werden versuchen, auf allen Kanälen an das Geld der Verbraucher zu
kommen: Stationär, per Versandkatalog, Internet, Newsletter, Affiliate
Marketing und so weiter und so fort.
12. Outsourcing
Niemand ist mehr in der Lage, in der vielfältigen Wettbewerbslandschaft
alles alleine zu erledigen. Deshalb sollte er auf der einen Seite
kooperieren, wie im Einkauf, auf der anderen Seite aber Dinge auch an
Dritte auslagern per Vertrag, nämlich dann, wenn diese Dritten die
Dinge, die er tun müsste, besser können als er selber. Insbesondere im
Zeichen des Multi-Channel-Retailing ist es durchaus sinnvoll, das
gesamte Handling des dahinter stehenden Versands an Dritte auszulagern.
Es gibt Unternehmen am Markt, die einem Handelsunternehmen hier
sämtliche Arbeiten abnehmen – und zwar vom Einkauf bis zum Verkauf, vom
Controlling bis zur Werbung. Je mehr abgegeben wird, desto geringer ist
natürlich die eigene Wertschöpfung und ein jeder muss überlegen, was er
noch selber machen möchte bzw. wo seine Kernkompetenz liegt.
Natürlich gibt es auch ganz andere Dinge des Outsourcings, die auch von
hoher Sinnhaftigkeit sind: Objektverwaltung, Fuhrpark, Reparatur- und
Änderungsdienste, aber auch das gesamte Controlling etwa an eine
„One-Stop-Agency“.
13. Internationalisierung
Wem es auf dem Heimatmarkt zu eng wird, der geht sich neue Märkte im
Ausland erschließen. Im Rahmen der Europäischen Union und des Euros ist
das Feld fast unendlich und doch leichter geworden. Die erfolgreichen
Discounter, aber auch Unternehmen wie Fressnapf, Douglas u. a. haben
gezeigt, wie es geht.
14. Neue Formate
Der Handel muss ständig neue Angebotsformen entwickeln, neue
Betriebstypen und damit neue Formate. Formate sind nichts anderes als
eine neue Mixtur der Marketingelemente Preispolitik,
Kommunikationspolitik, Sortimentspolitik und Distributionspolitik.
15. Mehrschienen-Politik
Je ausgedehnter ein Filialnetz oder der regionale Marktanteil wird,
umso sinnvoller ist es, nicht mit einer Idee über Land zu ziehen,
sondern die Idee zu splitten und zwei oder sogar drei Schienen
aufzubauen. Das können verschiedene Hausgrößen für Großstädte,
Mittelstädte und Kleinstädte sein oder Vororte oder Nebenlagen, das
können aber auch in preislicher Hinsicht Differenzierungen sein, also
eine Fachmarkt- oder Discountfiliale als Ergänzung zum Stammgeschäft
oder die filial-bezogene Übernahme eines Franchise-Konzeptes, um auch
andere Kundengruppen anzusprechen. Irgendeiner macht das Geschäft auf
jeden Fall.
16. Technisierung durch RFID
RFID – Radio Frequency Identification – wird immer wichtiger für den
Handel, vor allen Dingen, wenn es sich um Massenabsatz handelt. Der
gesamte logistische Hintergrund kann enorm rationalisiert werden durch
den Einsatz der RFID-Transponder, in Zukunft wird es jedoch sogar
möglich sein, ganze Geschäftskonzepte auf der Basis dieser Chips
aufzubauen, indem RFID „front end“ eingesetzt wird – also gegenüber dem
Verbraucher. Wenn alle Produkte mit Chips versehen sind, kann darüber
ein automatischer Check-out incl. Bezahlung erfolgen wie aber auch eine
automatische Diebstahlsicherung durchgeführt werden.
17. Virtuelle Unternehmensführung
Es gibt heute Unternehmen, die produzieren nicht und handeln nicht –
und sie verdienen trotzdem viel Geld! Bei der virtuellen
Unternehmensführung beschränkt sich das Unternehmen auf die Marke, auf
die Marke und nochmals auf die Marke. Das Unternehmen lässt Produkte
entwickeln, lässt diese produzieren und lässt diese von Dritten, zum
Beispiel Franchisepartnern, verkaufen. Es bewirbt den Verbraucher, bei
diesen Franchisepartnern die Produkte einzukaufen. Die Partner
bestellen bei den Produzenten, was sie verkaufen wollen, das
Zentral-Unternehmen, die „Marke“, braucht nicht einmal ein Lager – das
gesamte Risiko wird auf Dritte verteilt. Eine verrückte Idee? Nein, es
ist bereits heute Realität – vergleichen Sie Red Bull, Polo Ralph
Lauren, in Ansätzen Adidas oder Puma usw.
18. Verträge, insbesondere Funktionsauslagerungsverträge
Insbesondere bei der virtuellen Unternehmensführung, aber auch schon
bei der Vertikalisierung und Systembildung ist die „richtige“
Vertragsgestaltung von äußerster Wichtigkeit. Interessant wird es
insbesondere, wenn man in das Franchisegeschäft einsteigt oder das
Thema Lizenzen aufgreift – beides in Zukunft für Händler, die nach
vorne wollen, von großer Bedeutung.
19. Mitarbeiterorientierung
Wenn man den Status des Kiosks überwunden hat, sind es die Mitarbeiter,
die die Kunden betreuen und das Geschäft machen. Umso wichtiger ist es
deshalb, die Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden, sie zufrieden zu
stellen, sie zu Höchstleistungen zu motivieren. All das geht nur mit
einer entsprechenden Orientierung in den Köpfen der
Unternehmensleitung. Wer seine Mitarbeiter „liebt“, hat Chancen, von
den Kunden „geliebt“ zu werden!
20. Controlling und Unternehmensplanung
Eine Unternehmensführung ohne Unternehmensplanung ist in heutigen
Zeiten zum Scheitern verurteilt. Ein Plan hilft aber nichts, wenn er
nicht kontrolliert wird, um bei Abweichungen Maßnahmen zu ergreifen,
die doch Ziele zu erreichen. Je größer das Unternehmen, je aufwendiger
wird die Planung und das Controlling. Es müssen nicht immer ERP
(Enterprise Ressource Planning) Programme sein, aber
Warenwirtschaftssysteme und kurzfristige Erfolgsrechnungen, die
erkennen lassen, wo das Unternehmen sein Geld verdient, sind
unverzichtbar.
Letztlich sind zwei Dinge von besonderer Bedeutung für die Zukunft der
Handelsunternehmen: Sie müssen effizient arbeiten, d. h., mit den
Ressourcen richtig umgehen, und sie müssen ein eigenes Gesicht
aufbauen, mit dem sie sich vom Wettbewerb unterscheiden. Nur dann sind
sie in der Lage, mit emotionalen Konzepten den Kunden anzusprechen und
ihm ein Angebot zu attraktiven Preisen anzubieten.
Handelsberichte der Ulrich Eggert Consulting, Köln, sind nach bestem
Wissen und Gewissen, mit aller gebotenen Sorgfalt, jedoch ohne Gewähr
erstellt.
Quelle: www.prcenter.de



